w.werft: traditioneller Kanubau in Wuppertal

15. Juni 2020

Einfach mal machen: Das ist das Credo von Fritz und Calle, den Gründern von w.werft – einer Kanumanufaktur in Wuppertal. Geleitet von der Liebe zum Handwerk holten sie die aus der Arktis stammende traditionelle Bauweise an die Wupper. In den Workshops von w.werft entstehen unter den Händen von Interessierten wunderschöne Holzkanus.

Das nordrhein-westfälische Wuppertal gilt als „Wiege der Industrialisierung“ in Deutschland. In der Mitte des 19. Jahrhunderts war sie Mittelpunkt eines der größten Wirtschaftszentren Europas und eine der ersten Industrieregionen Deutschlands. Bis heute ist das Handwerk in der Region tief verwurzelt. Heute zeichnet sich Wuppertal durch ein reichhaltiges Kultur- und Workshopangebot aus.

Die Brüder Fritz und Calle sind Teil dieses Kulturangebots. Unter dem Namen w.werft haben sie sich seit fünf Jahren dem Bau von Kajaks und Kanadier aus Holz verschrieben. Und sie geben ihr Wissen weiter: In Workshops bauen sie gemeinsam mit den Teilnehmern Kanus in traditioneller Holzbauweise.

In Handarbeit entstehen in der Werkstatt von w.werft Holzboote

Vom jugendlichen Werkeln zum professionellen Kanubau

Eine handwerkliche Ausbildung haben Fritz und Calle nicht, doch wurde ihnen die Liebe zum Handwerk und zum „Selbst etwas machen“ in die Wiege gelegt: Der Uropa war Fernmeldetechniker und der Vater (Architekt) hat das Haus selbst gebaut. Fritz erinnert sich zurück:

»Von Kindesbeinen an haben wir eigentlich immer an etwas gewerkelt. Wir haben gebastelt, genäht, gebaut und gestaltet. Wir waren es gewohnt, mit den Händen zu arbeiten.«

Im Laufe des Lebens ließ sie das Interesse am Handwerk nicht los. Es entstanden Baumhäuser und später Möbel, Bauwägen, ein Dachzelt und noch mehr. Schließlich hatten sie eine neue Herausforderung gesucht und kamen so zum Bau von Holzbooten.

Interview mit Fritz und Calle von w.werft

Ihr bietet Workshops an, in denen Teilnehmer gemeinsam ein Kanu bauen. Was genau lernen sie bei euch?

Fritz: Zunächst einmal lernen sie, die richtige Holzauswahl zu treffen und das Holz zu „lesen“. Denn die richtige Holzauswahl ist entscheidend beim Kanubau. Darüber hinaus vermitteln wir verschiedene Arten der Holzbearbeitung – unter anderem das Biegen unter Dampf. Aber die Teilnehmer lernen auch zu improvisieren. Sie müssen sich Hilfsmittel und Werkzeug teilweise selbst bauen. Auch die Formen sind ungewöhnlich. Es gibt nur wenige rechte Winkel im Bootsbau.

Calle: Interesse, Geschicklichkeit und Spaß am Handwerk sind die besten Voraussetzungen. Alles andere spielt keine Rolle. Unsere Teilnehmer sind sehr unterschiedlich: von der Studentin bis zum Werkzeugmacher, von unter 20 bis über 60-jährige kommen in unserem Workshop zusammen.

Welche Tipps könnt ihr jemandem geben, der plant, ein Kanu zu bauen?

Fritz: Vor allem eins: einfach anfangen! Wenn man nur darüber nachdenkt, wird kein Projekt draus. Zweiter Tipp: Inspiration holen! Es gibt sehr viel Literatur, aber auch auf YouTube und Instagram gibt es guten Input. Da Kanubau traditionell aus Kanada und den USA kommt, ist die Literatur überwiegend englischsprachig. Auf Social Media sind die Anleitungen jedoch meist nur visuell. Mit den Augen stehlen können – das ist ein hilfreiches Talent.

Calle: Man sollte sich zunächst eine Bootsbauweise aussuchen. Es kommt auf die Bootsbauweise an, wie leicht das Bauvorhaben umsetzbar ist, welche Materialien ich brauche usw. Wir empfehlen die Skin-on-Frame-Bauweise: Das Kanu wird aus dampfgebogenen Leisten gebaut, die mit Kunstsehne verbunden werden. Auf den entstandenen Frame wird dann Nylongewebe aufgebracht und lackiert. Man ahmt damit die traditionelle Bootsbauweise nach, bei der Holz, Robbenfell und Tiersehnen verwendet wurden.

Fritz: Vielleicht ein guter Start: ein Paddel bauen. Dann steht es da und motiviert dich, auch das Kanu dafür zu bauen. Generell gilt es, die handwerkliche Freiheit auszuschöpfen. Es gibt kein richtig oder falsch, man muss anfangen und ausprobieren.

Welche Hilfsmittel und Materialien sollten vorhanden sein und wie viel Platz?

Calle: Je nach Länge des Bootes brauchst du etwa sechs Meter Platz. Wir haben unser erstes Kanu in der Garage gebaut. Allerdings ist ein Keller nicht so eine gute Idee, denn das Kanu muss später auch irgendwie herausgetragen werden können. Das kann bei dem ein oder anderen Keller vielleicht schwierig werden.

Fritz: Man braucht keine vollausgestattete Werkstatt. Das meiste, was man braucht, ist Handwerkszeug, zum Beispiel Hobel und viele Zwingen. An Elektrowerkzeug brauchst du eine Kreissäge und einen Exzenterschleifer.

Calle: Denke daran: Du brauchst eine Dampfkammer, wenn du Holz biegen möchtest. Aber auch das ist sehr einfach zu bauen und sehr leicht umzusetzen. Das Dampfbiegen ist das Schönste und Spaßigste an der ganzen Sache. Wir würden allen raten, das mal auszuprobieren

Ein selbstgebautes Kanu: einfach unbezahlbar

Das Ergebnis der Skin-on-Frame-Bauweise: sehr leichte Boote. Calle beschreibt, wie es ist, sich in einem selbstgebauten Kanu auf dem Wasser zu bewegen:  

»Die Jungfernfahrt in einem selbstgebauten Kanu ist einfach ein großartiges Gefühl. Man selbst steckt drin: Jede Leiste, jede Sehne hatte man in der Hand. Der Prozess des Selbst-Bauens ist super wertvoll und mit keinem Geld bezahlbar.«

Erprobung der selbstgebauten Kanus auf der Wupper

Du bist auf den Geschmack gekommen? Hol dir hier mehr Infos und viele Tipps zum Bau eines Kanus in Skin-on-Frame-Bauweise.

Isabelle

Handwerkern auf die Finger und über die Schulter schauen: Ich interessiere mich vor allem für spannende Geschichten aus der Praxis.

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