Digitalisierung als Chance

25. Mai 2022

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) vereint 53 Handwerkskammern, 49 Fachverbände und über 130 verschiedene Handwerksberufe unter einem Dach. Keine einfache Struktur, um Digitalisierung voranzutreiben. Das Referat Digitalisierung nimmt sich mit dem Förderprojekt Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk – gemeinsam mit neun weiteren Partnern – dieser Herausforderung an. Das Ziel: Handwerksbetriebe in ganz Deutschland mit den Angeboten rund um das Thema Digitalisierung zu erreichen, fit für die Digitalisierung zu machen und so die Zukunftsfähigkeit des Handwerks sicherzustellen. Wir haben mit Stephan Blank, Digitalisierungsexperte im Förderprojekt, über das Thema Digitalisierung im Handwerk gesprochen.

Stephan Blank ist Diplom-Wirtschafts-Ingenieur und Master of Business Administration (MBA) und hat Wirtschaftsingenieurswesen, General Management und Innovationsmanagement studiert. Seit 2016 ist er Referatsleiter für Digitalisierung im ZDH. Als Digitalisierungs- und Innovationsexperte gestaltet er in seiner Funktion im Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk die digitale Transformation im Handwerk aktiv mit. Wir haben ihm die wichtigsten Fragen zur Digitalisierung im Handwerk gestellt.

Wie wird Digitalisierung definiert?

Stephan Blank: Digitalisierung ist ein weit gefasster Begriff. Für Unternehmen, mit denen wir sprechen, fühlt sich Digitalisierung oft an, als würden sie vor dem Mount Everest stehen und nicht wissen, wie sie den Aufstieg angehen sollen. Dabei wollen wir unterstützen. Wir definieren Digitalisierung vor allem als technischen Fortschritt, Sicherung der Zukunftsfähigkeit und als eine gewinnbringende und sinnvolle Unterstützung. Hierbei sollte man die ökonomische Perspektive aber nicht vergessen. Die Digitalisierung verändert Märkte und den Wettbewerb für Betriebe. Neue Wettbewerber mit digitalen Produkten und Services betreten den Markt. Das verändert nicht nur die Gesellschaft, sondern genauso auch Kund*innenbedürfnisse und das Konsumverhalten. So erwarten Kund*innen heutzutage 24 Stunden am Tag Erreichbarkeit, eine schnelle und kostenlose Lieferung und mehr. Für Betriebe verändert Digitalisierung vor allem drei Bereiche: Die Prozesse im Unternehmen selbst, die Produkte und Services und das Geschäftsmodell.

 

Wie ist der aktuelle Stand der Digitalisierung im Handwerk in Deutschland zu bewerten?

SB: Ein großer Teil der Handwerksbetriebe ist äußerst aufgeschlossen gegenüber der Digitalisierung. Sie wird, im Gegenteil zu früher, nicht mehr als vorbeiziehender Trend gesehen. Aus Umfragen wissen wir, dass circa 80% der Betriebe digitale Lösungen mehr als Chance und weniger als Risiko sehen. Trotzdem stellt die Digitalisierung viele Handwerksbetriebe vor große Herausforderungen. Ein Großteil der Betriebe hat um die fünf Mitarbeitende, zählt also zu den Kleinstbetrieben. In diesen Betrieben ist Digitalisierung klar Chef*innensache. Doch diese*r hat meist unendlich viele andere Dinge zu tun. Auch ist im Handwerk selten eine »natürliche« Affinität und Digitalkompetenz gegeben, da diese zum Beispiel in der Ausbildung nicht behandelt wird. Umso beeindruckender, dass nach Umfragen des ZDH in den letzten Jahren ein Drittel aller Handwerksunternehmen Digitalisierungsmaßnahmen ergriffen haben!

Wie unterstützt das Mittelstand Digital Zentrum Handwerk Betriebe bei der Digitalisierung?

SB: Das Ziel des Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk und seiner Arbeit ist es, digitale Handwerksunternehmen der Zukunft zu schaffen. Auf dem Weg zur Digitalisierung sollte man unbedingt festhalten: Es gibt keine pauschale Lösung und keinen Standardprozess, der für alle Unternehmen gleichermaßen gilt. Aufgrund der Diversität im Handwerk mit seinen 130 Berufsbildern und unterschiedlichen Gewerken bei überwiegend kleinen und Kleinstbetrieben sind die jeweiligen Anforderungen höchst individuell. Wichtig ist hierbei, nicht um jeden Preis zu digitalisieren. Sondern: Unternehmer*innen sollten prüfen, welche Maßnahmen im eigenen Betrieb tatsächlich Sinn machen. Dafür stehen unsere Digitalisierungsexpert*innen an deutschlandweit zehn Standorten als Ansprechpartner*innen zur Verfügung. Sechs dieser Standorte (Bayreuth, Krefeld, Koblenz, Duisburg, Oldenburg und Dresden) sind sogenannte Schaufenster, an denen Beispiele für digitale Technologien zum Ausprobieren ausgestellt sind. Das Mittelstand-Digital Zentrum Handwerk entwickelt verschiedenste Unterstützungsangebote für das Handwerk, informiert über neue Entwicklungen, gibt nützliche Tipps und die richtigen Werkzeuge für die Digitalisierung an die Hand und behält auch wichtige Zukunftsthemen dabei immer im Blick. Hierbei beantworten wir Fragen wie: Was kann ich in welchen Bereichen digitalisieren? Was sollte ich für die Cybersicherheit tun? Welche Technologien machen für welche Gewerke Sinn? Welche Infrastruktur benötige ich für die Digitalisierung meines Betriebes? Mit Erfolgsgeschichten, Online-Tools, Informationsveranstaltungen sowie Schulungen und Workshops geben wir praxisnahe, anbieterneutrale und kostenfreie Antworten darauf. In Digitalisierungs- und Innovationsprojekten erarbeiten wir gemeinsam mit Handwerksbetrieben gewerkübergreifende sowie gewerkspezifische – aber vor allem passfähige – digitale Lösungen für das Handwerk und setzen uns mit zentralen Zukunfts- und Trendthemen, wie beispielsweise IoT, KI oder Robotik auseinander.

Was sind die Vorteile eines digitalen Betriebs?

SB: Ganz klar: Die Digitalisierung spart viel Zeit und Geld. Natürlich ist es erstmal eine Investition, aber diese wirkt sich meist positiv auf die Planung und den Einsatz von zeitlichen, personellen und finanziellen Ressourcen aus. Weiterhin können Digitalmaßnahmen auch neue Möglichkeiten eröffnen. Interessant ist beispielsweise die sogenannte Mass Configuration. Das bedeutet, dass Kund*innen sich über einen Online-Konfigurator zum Beispiel ihr gewünschtes Möbelstück nach eigenem Wunsch und Maß erstellen können. Das öffnet die Tür für neue Kund*innen und Aufträge. Geht es darum, für die vorhandene Dienstleistung neue Kund*innen zu erreichen, können soziale Netzwerke eine große Rolle in der Akquisition spielen. Das kann besonders für Betriebe auf dem Land eine wichtige Rolle spielen. Die Urbanisierung sorgt immer mehr dafür, dass sich alles in die Städte verlagert. Betriebe haben so die Möglichkeit, über ihre Region hinaus Kund*innen anzusprechen.

Ist Digitalisierung wirklich zwingend notwendig?

SB: Sich mit dem Thema Digitalisierung auseinanderzusetzen ist zunächst einmal für jedes Unternehmen sinnvoll. Auch wenn die momentane Auftragslage mehr als gut ist, sollte man sich immer fragen: Was wäre, wenn ein digitalisierter Wettbewerber auf einmal vergleichbare Services anbietet? Das größte Beispiel hierfür ist wohl Amazon. Das Unternehmen hat die Marktstrukturen mit seinem Angebot komplett verändert und das haben auch einige Gewerke spüren müssen. Unsere Empfehlung ist deshalb, sich nicht erst Gedanken über Digitalisierung zu machen, wenn es »zu spät« ist.

Inwieweit unterscheiden sich Digitalisierungsmaßnahmen je nach Gewerk?

SB: Übergreifend kann man sagen, dass Prozessdigitalisierung für beinahe jeden Betrieb sinnvoll ist. Ein Beispiel hierfür ist Software, die Aufträge, Einsätze, Rechnungen und mehr digitalisiert. Diese sparen viel Zeit und erleichtern sowohl dem Betrieb als auch Kund*innen die Arbeit. Für handelnde Gewerke mit Endkund*innenkontakt ist oft ein Onlineshop, ein Auftritt auf sozialen Netzwerken zur Kund*innengewinnung und natürlich eine Webseite sinnvoll. Der Einsatz von speziellen Technologien, die einen Teil der handwerklichen Arbeit übernehmen, ist bis jetzt nur für ausgewählte Gewerke sinnhaft.

 

Was sind Beispiele für erfolgreiche Digitalisierungsmaßnahmen?

SB: Beispiele gibt es viele! Das geht von Orthopädietechniker*innen, die mit dem 3D-Scanner und -Drucker Teile ihrer Arbeit digitalisieren, über Fleischer*innen, die über digitale Vertriebskanäle neue Kund*innen gewinnen und ihr Fleisch aus der ländlichen Region auch in der Stadt anbieten können, bis hin zu Tischler*innen, die überregional Kund*innen mit ihren konfigurierbaren Möbelangeboten erreichen. Viele weitere Beispiele findet man unter handwerkdigital.de .

Welche Rolle spielt die Digitalisierung für die Nachhaltigkeit im Handwerk?

SB: Das Handwerk, Digitalisierung hin oder her, leistet einen großen Beitrag für die Nachhaltigkeit. Es repariert, bietet langlebige Produkte und sucht ständig nach ökologischen Lösungen. Die Digitalisierung kann Nachhaltigkeit fördern, sie kann sich aber auch negativ auswirken. Wird ein Betrieb digitalisiert, hat das zum Beispiel häufig zur Folge, dass viele digitale Endgeräte, also Tablets und Computer, neu angeschafft werden müssen. Gleichzeitig kann die Digitalisierung auch zu einem papierlosen Büro verhelfen oder den Materialeinsatz effizienter gestalten, was Ressourcen nachhaltig schont. Es ist also eine Gratwanderung.

Hat die Corona-Pandemie den Stand der Digitalisierung im Handwerk vorangetrieben?

SB: Die Pandemie war auf jeden Fall ein Booster für die Digitalisierung. Unsere Anfragen haben sich gehäuft. Noch haben wir keine neue Umfrage gemacht, ich gehe aber mit Sicherheit davon aus, dass mehr als ein Drittel der Betriebe in den letzten Jahren Digitalisierungsmaßnahmen umgesetzt haben. Der Lockdown hat die Geschäfte geschlossen und Betriebe waren gezwungen, in neue Wege zu investieren, schlicht, um den Kontakt zu ihren Kund*innen zu halten.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

HAND-DRAUF-Redaktion

Von Werkzeug bis Unternehmensführung: Mit unseren Ratgebern wollen wir Handwerker*innen Antworten auf viele Fragen geben.

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