Ein Küsten-Highway taucht ab

19. Februar 2020

In Norwegen nimmt ein spektakuläres Infrastrukturprojekt Gestalt an: Der bislang von zahlreichen Fähren unterbrochene Küsten-Highway ist bald durchgängig befahrbar. Geplant ist unter anderem der weltweit erste schwimmende Tunnel unter Wasser. Kann Norwegen das schaffen?

Mit Bergen, Trondheim und Stavanger befinden sich an der Westküste Norwegens einige der wichtigen und wirtschaftsstärksten Städte des Landes. Doch das Leben und Wirtschaften in dieser Gegend ist von der Beschaffenheit der 25.000 Kilometer langen Atlantikküste geprägt: Das Meer reicht in unzähligen schmalen Buchten tief ins Landinnere.

Mit Unterbrechung

Entlang der Atlantikküste schlängelt sich die E 39, die als Europastraße den Norden Norwegens mit dem Süden verbindet und sogar bis nach Dänemark führt. Die zerklüftete Küste macht zwar die Schönheit Norwegens aus, verlangsamt jedoch den Straßenverkehr, worunter die Wirtschaft leidet. Statt freie Fahrt, heißt es für Autos und Lastwagen immer wieder auf Fähren ausweichen. Zurzeit unterbrechen acht Fährstrecken den Asphalt. Für die Strecke von 1.100 Kilometern müssen Personal- und Güterverkehr aktuell mehr als 21 Stunden einplanen. Das soll sich bis 2050 ändern.

Die norwegische Regierung möchte diesen Missstand endlich beseitigen und eine verbesserte E 39 ohne Fähren schaffen. Dazu werden die Fähren nach und nach durch Brücken und Tunnel ersetzt – einige davon befinden sich auf dem Land, einige auf dem Wasser und einige auch unter Wasser!

Mit Seegang

Mehrere Tunnel sollen sich künftig unter dem Meeresspiegel befinden und sich ihren Weg durch den Atlantik bahnen. Dabei soll eine weltweit einmalige Konstruktion zu Einsatz kommen: Schwebende Tunnelrohre, die nicht am Meeresboden befestigt sind, sondern an Plattformen hängen, die an der Meeresoberfläche schwimmen. Der Grund für diese außergewöhnliche Herangehensweise sind die mehrere hundert Meter tiefen Fjorde. Pfeiler lassen sich hier nicht befestigen.

Das Unterfangen ist gewagt. Schwebende Tunnel standen immer wieder auf den Bauplänen verschiedenster Ingenieure. Doch sowohl in den USA als auch in Japan, wo es solche Pläne gab, ist es stets bei der bloßen Idee geblieben. Norwegen hält dennoch an dem Vorhaben fest.

Aus der Vogelperspektive blicken wir auf eine Straße, die sich über Inseln und Brücken entlangschlängelt

Das Archimedische Prinzip

Beim Bau von Unterwassertunneln machen sich Ingenieure das Archimedische Prinzip zunutze, das vor über 2.000 Jahren von dem griechischen Gelehrten Archimedes formuliert wurde. Es besagt, dass der statische Auftrieb eines Körpers in einem Medium genauso groß ist wie die Gewichtskraft des vom Körper verdrängten Mediums.

Infografik Archimedisches Prinzip

In der Schwebe

Schwebende Unterwassertunnel werden in Norwegen derzeit unter anderem für die Durchquerung des Sulafjords und Sognefjords in Betracht gezogen. Der Sognefjord liegt nördlich von Bergen und ist mit einer Breite von 3,7 Kilometern und einer Tiefe von 1.300 Metern der „König der Fjorde“. Durch zwei parallelverlaufende Röhren soll der Auto- und Lastwagenverkehr hier in Zukunft durch das Meer geleitet werden – rund 30 Meter unter dem Meeresspiegel. Während der Tunnel durch den Suljafjord am Meeresboden befestigt werden könnte, müsste der Sognefjord-Tunnel an Plattformen hängen, die an der Oberfläche schwimmen. Die Tiefe des Fjordes lässt keine Verankerung am Boden zu.

Bald sollen Lastwagen und Autos die Hälfte der Fahrtzeit für die E 39 brauchen, wodurch die Kosten für den Transport per LKW ebenfalls halbiert werden könnte. Die Regierung verspricht sich durch das Mammutprojekt einen wirtschaftlichen Auftrieb für die Westregion. Die Umsetzung aller Bauvorhaben kostet die Regierung rund 37 Milliarden Euro.

Bennet

Mehr zum Thema

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Copy link
Powered by Social Snap