Chemikalien richtig lagern

 

Chemieunfälle sind gar nicht so selten, wie man vielleicht glauben mag. Ob bei Lebensmittelherstellern, in Forschungseinrichtungen, Entsorgungs- oder Handwerksbetrieben: Überall dort, wo mit toxischen und entzündbaren Stoffen hantiert wird, kann es zu gefährlichen Situationen kommen. Austretende Flüssigkeiten, Gas- oder Rauchbildung lösen häufig regelrechte Großeinsätze von Feuerwehr, Polizei und Rettungsdienst aus. Betroffene müssen wegen Augen- und Atemwegsverletzungen behandelt, Anwohner gewarnt werden. Die Auswirkungen reichen von Gesundheitsschäden, zum Beispiel Verätzung, Vergiftung und Atemnot, über Umwelt- und Sachschäden bis hin zu Bränden und Explosionen.


1. Gefährliche Chemikalien: Risiken aktiv minimieren

Was bei jedem Chemieunfall deutlich wird: Chemikalien bringen eine nicht zu unterschätzende Gefahr mit sich. Auch in handwerklichen Betrieben sind bedenkliche Stoffe keine Seltenheit. Dies können beispielsweise sein:

  • Farben und Lacke
  • Reinigungs- und Desinfektionsmittel
  • Öle, Lösemittel und Verdünner
  • Abbeizer
  • Bauschäume
  • Flaschen mit Acetylen, Sauerstoff oder Flüssiggasen

Eine weit verbreitete Ursache für Unfälle ist die falsche Lagerung. Wir wollen Ihnen heute aufzeigen, wie Sie im Betrieb Chemikalien sicher lagern, wo Chemikalien am besten aufgehoben sind und welche Chemikalien zusammen lagern dürfen. Für die direkte Anwendung in Ihrem Betrieb stellen wir Ihnen eine praktische Checkliste zum Download zur Verfügung. Sie hilft bei der Planung und Prüfung eines Chemikalienlagers.

 Checkliste Chemikalienlager


2. Das Chemikaliengesetz regelt Kennzeichnung und Klassifizierung von Chemikalien

Das wichtigste Gesetz, das man für den Schutz vor gefährlichen Stoffen kennen sollte, ist das Chemikaliengesetz (ChemG). Das Chemikaliengesetz wiederum ist Teil des Chemikalienrechts. In dem Gesetz ist zum Beispiel definiert, welche Stoffe überhaupt unter den Begriff Gefahrstoff fallen. Darüber hinaus regelt das Chemikaliengesetz die Benennung von Chemikalien durch eine sogenannte CAS-Nummer. CAS ist die Abkürzung für „Chemical Abstracts Service“, ein Registrierungsdienst für chemische Stoffe in den USA. In der CAS-Nummer-Datenbank sind derzeit etwa 21 Millionen Einzelstoffe, Stoffgruppen und Produkte gelistet. Die CAS-Nummern vereinfachen es, chemische Stoffe eindeutig voneinander zu unterscheiden.

Ein weiteres wichtiges Instrument im Umgang mit Chemikalien ist ihre Kennzeichnung mit GHS-Piktogrammen. GHS steht für „Global harmonisiertes System zur Einstufung und Kennzeichnung von Chemikalien“. Jede Chemikalie muss laut EU-Verordnung die GHS-Kennzeichnung bzw. das Etikett tragen. Die Kennzeichnung wird weltweit nahezu einheitlich verwendet.

Das GHS-Etikett enthält folgende Informationen:

  • Name, Anschrift und Telefonnummer des Lieferanten
  • Nennmenge
  • Stoffname und Index-Nummer oder CAS-Nummer
  • Piktogramm
  • Signalwort
  • Gefahrenhinweis
  • Geeignete Sicherheitshinweise
  • ergänzende Informationen

Die GHS-Codes sind wie folgt bezeichnet:

Code Symbol Ausgehende Gefahr
GHS01
Explodierende Bombe
Explodierende Bombe
  • Gefährdung durch Feuer, Luftdruck, Splitter
  • Explosionsgefahr durch Feuer, Schlag, Reibung
GHS02
Flamme
Flamme
  • Entzündbar
  • Erzeugt in Kombination mit Luft explosionsfähige Mischung
  • Erzeugt in Kombination mit Wasser entzündbare Gase
  • Selbstentzündbar
GHS03
Flamme über Kreis
Flamme über Kreis
  • Wirkt oxidierend
  • Verstärkt Brände
  • Erzeugt in Kombination mit brennbaren Stoffen explosionsgefährliche Gemische
GHS04
Gasflasche
Gasflasche
  • Explosionsgefahr durch erhitzte und unter Druck stehende Glasflaschen
  • Kälteverbrennungen durch tiefkalte Gase
GHS05
Ätzwirkung
Ätzwirkung
  • Verätzt Körpergewebe
  • Zerstört Metalle
  • Gefahr schwerer Augenschäden
GHS06
Totenkopf mit Knochen
Totenkopf mit Knochen
  • Verursachung schwerer gesundheitlicher Schäden oder des Todes (bereits in kleinen Mengen)
GHS07
warning
Ausrufezeichen
  • Verursachung gesundheitlicher Schäden
  • Reizung der Augen, Haut oder Atemwegsorgane
  • In größeren Mengen tödlich
GHS08
Gesundheitsgefahr
Gesundheitsgefahr
  • Allergieauslösend
  • Organschädigend
  • Krebserzeugend
  • Erbgutverändernd
  • Fortpflanzungsgefährdend
  • Fruchtschädigend
GHS09
Umwelt
Umwelt
  • Schädigung von Wasserorganismen
  • Giftig bis sehr giftig
  • Wirkt akut oder langfristig

Wenn eine Chemikalie in Ihrem Betrieb ein solches Piktogramm bzw. ein GHS-Etikett trägt, handelt es sich um ein Gefahrenstoff, bei dem bei der Lagerung besondere Vorsicht geboten ist. Es existieren jedoch auch gefährliche Stoffe, die nicht kennzeichnungspflichtig sind, zum Beispiel Abfälle.


3. Sichere Chemikalienlagerung: Gefährdungsbeurteilung ist der erste Schritt

Bevor Gefahrstoffe adäquat gelagert werden können, muss zunächst eine Gefährdungsbeurteilung durch den Arbeitgeber erfolgen. Im Rahmen der Gefährdungsbeurteilung werden alle möglichen Gefährdungen aufgeführt, die aufgrund der gelagerten Chemikalien für Mensch, Umwelt oder Sachwerte am Arbeitsplatz auftreten können. Anhand der ermittelten Gefährdungen können wiederum Schutzziele und notwendige Schutzmaßnahmen festgelegt werden. Je nach Schutzziel – das kann zum Beispiel Brandschutz oder Arbeitsschutz sein – müssen sowohl bei der Einrichtung als auch bei der Nutzung eines Chemikalienlagers Vorschriften aus unterschiedlichen Gesetzen und Verordnungen berücksichtigt werden.


4. Was bei der Gefährdungsbeurteilung beachten?

Für die Beurteilung der Gefahren, die von einer Chemikalie ausgehen, sollten möglichst viele Informationen über sie eingeholt werden. Einen ersten Überblick verschaffen Sie sich durch die GHS-Kennzeichnung und das Sicherheitsdatenblatt. Hilfreiche Hinweise finden Sie auch beim Hersteller sowie Institutionen für Umwelt oder Arbeitsschutz. Mindestens diese Fragen sollten Sie eindeutig beantworten können:

  • Über welche gefährlichen Eigenschaften verfügt die Chemikalie?
  • In welcher Menge darf sie lagern?
  • Welche Temperatur ist einzuhalten?

Doch nicht nur über die einzelnen Produkte, sondern auch über die organisatorischen Arbeitsabläufe in Ihrem Betrieb sollten Sie reflektieren. Darunter fallen die Anlieferung von neuen Produkten, das Transportieren der Produkte sowie die Reinigung von leeren Sammel- und Sicherheitsbehältern. Befinden sich noch (meist schwer erkennbare) Produktreste eines leicht entzündbaren Stoffes im Behälter, können sich zum Beispiel explosionsfähige Luft-Gasgemische bilden. Solange solche Behälter nicht gereinigt wurden, sollte mit ihnen daher wie mit vollen Behältern umgegangen werden.


5. Die Voraussetzungen für eine sichere Chemikalienlagerung

5.1 Ein Lagerkonzept entwickeln

In einem Lagerkonzept werden alle sicherheitsrelevanten Aspekte eines Lagers schriftlich festgehalten. Es kann beispielsweise dann herangezogen werden, wenn Mängel zügig ermittelt werden sollen. Das Lagerkonzept enthält:

  • eine ausführliche Beschreibung der Räumlichkeiten,
  • das Brandschutzkonzept,
  • die Organisation der Lagerabläufe,
  • Dokumentation von Art und Menge der chemischen Stoffe
  • sowie eine Auflistung der zur Verfügung stehenden Behälterarten.

Über solch ein Lagerkonzept sollten daher generell alle Betriebe verfügen, die chemische Stoffe aufbewahren.

5.2 Ein Einlagerungsplan erstellen

Für die notwendige Übersicht über eingelagerte Produkte sorgt ein Einlagerungsplan. Er enthält Angaben zum konkreten Standort und zu den Mengen der verschiedenen Chemikalien. Dieser Plan sollte Angaben zu den Bezeichnungen der Chemikalien, zu den gefährlichen Eigenschaften, zur zugelassenen Gesamtlagermenge und den verschiedenen Lagerabschnitten enthalten.

5.3 Geeigneten Lagerort finden

Chemikalien dürfen grundsätzlich nicht überall und ohne Schutz im Betrieb gelagert werden. Als Faustregel gilt, dass eine Lagerung an Orten verboten ist, an denen es zu einer erhöhten Gefährdung von Personen kommen kann. Dazu zählen unter anderem Treppen, Flure, Pausen- und Sanitätsräume sowie Wohnräume und Keller – sofern größere Mengen von Gefahrstoffen gelagert werden.

Vor allem für die Lagerung von großen Mengen an chemisch-technischen Produkten ist ein separates Lager optimal. Lesen Sie für die korrekte Chemikalienlagerung die neun wichtigen Bedingungen, die ein Chemikalienlager erfüllen muss:

  1. Das Lager muss auf dichtem, festem Boden stehen und vor Hochwasser geschützt sein.
  2. Die Lagerräume müssen aus chemikalienbeständigen Baumaterialien gefertigt sein.
  3. Zugangs- und Fluchtwege müssen zu jeder Zeit voll zugänglich sein.
  4. Eine Lagerung im Freien ist dann möglich, wenn die Gebinde wasserdicht und witterungsbeständig sind sowie die Lagerplätze überdacht sind.
  5. Der Lagerraum darf nur für befugte Personen zugänglich sein.
  6. Der Lagerraum muss die Anforderungen des Brandschutzes erfüllen, aus nicht brennbaren Materialien bestehen und über ausreichend Feuerlöscheinrichtungen verfügen.
  7. Auch die Lagereinrichtung sollte möglichst aus nicht brennbaren Materialien bestehen.
  8. Der Lagerraum muss ausreichend beleuchtet sein und die Lampen dürfen die gelagerten Produkte nicht erwärmen.
  9. Mit geeigneten Auffangeinrichtungen muss für den Fall, dass Chemikalien freigesetzt werden, vorgesorgt werden. Dazu eignen sich spezielle Auffangwannen.

5.4 Geeignete Behälter auswählen

Auffangwanne

Behälter und Verpackungen müssen für eine sichere Chemikalienlagerung eine ausreichende Beständigkeit aufweisen. Nach Möglichkeit sollte die Lagerung in Originalbehältern und ergänzend in Auffangwannen erfolgen. Die eingesetzte Auffangwanne sollte mindestens das Volumen des größten Gebindes aufnehmen können und zudem beständig gegenüber den Chemikalien sein.

Gefahrstoffbehälter

Wenn das Lagern in den originalen Behältnissen nicht möglich ist, müssen die stattdessen eingesetzten Lagerbehälter gekennzeichnet werden. Die Kennzeichnung sollte Auskunft darüber geben, was gelagert wird und welche Gefahren von dem Stoff ausgehen. Gefahrenpiktogramme und Sicherheitsdatenblätter sind hierbei Pflicht. Es dürfen generell nur solche Behältnisse verwendet werden, die nicht mit Lebensmittelbehältern verwechselt werden können.

Gefahrstoffschrank

Für die Lagerung innerhalb von Arbeitsräumen, zum Beispiel unmittelbar in der Werkstatt, gelten besondere Bedingungen. Am sichersten ist in den meisten Fällen die Aufbewahrung von Chemikalien in Sicherheitsschränken, sogenannte Gefahrstoffschränken.

5.5 Stabile Stapelhöhen einhalten

Zwar platzsparend, aber gefährlich: Chemikalien dürfen nicht einfach in die Höhe gestapelt gelagert werden. Die Gefahr, dass Behälter herunterfallen, muss in jedem Fall gebannt werden. Dafür muss auch die Stabilität der einzelnen Gebinde beachtet werden. Für bestimmte Gebinde besteht allerdings ein generelles Stapelverbot. Achten Sie daher auf die Angaben in den Sicherheitsbeschreibungen.

5.8 Temperatur beachten

Kälte oder Hitze können chemische Produkte beschädigen oder irreversibel verändern. Daher sind in den Sicherheitsdatenblättern der einzelnen chemischen Produkte in der Regel Lagertemperaturen angegeben, die für eine optimale Produktqualität und Sicherheit eingehalten werden müssen.

5.7 Verpflichtende Maßnahmen

  • Das Lagerkonzept und die Gefährdungsbeurteilung müssen durch den Arbeitgeber erstellt werden.
  • Der Arbeitgeber ist dazu verpflichtet, ausreichend Schutzkleidung zur Verfügung zu stellen, Bestimmungen einzuhalten und verantwortliche Mitarbeiter zu schulen.
  • Für das Lagern und die damit verbundenen Tätigkeiten müssen ergänzend Betriebsanweisungen vorliegen, die das Verhalten im Umgang mit den Chemikalien sowie mit der Lagerung festschreiben.
  • Für jedes Chemikalienlager muss ein Notfallplan erstellt werden. Hier ist die Vorgehensweise im Fall von Feuer, Unfall oder Leckagen festgehalten. Der Notfallplan sollte an einer gut sichtbaren Stelle im Lager aufgehängt werden.
  • Lagermobiliar muss erstmalig bei ihrer Einrichtung und später in regelmäßigen Abständen auf ihre Funktion, Zuverlässigkeit und Wirksamkeit hin überprüft werden.


6. Welche Chemikalien zusammen lagern?

Immer dann, wenn sich durch die gemeinsame Lagerung von unterschiedlichen Chemikalien das Risiko für Gefahren erhöhen würde, dürfen die Produkte nicht zusammen gelagert werden. Chemikalien sollen insbesondere dann nicht gemeinsam gelagert werden, wenn …

  • … sie unterschiedliche Löschmittel benötigen.
  • … sie unterschiedliche Temperaturen benötigen.
  • … sie bei der Freisetzung miteinander reagieren oder zu einem Brand führen können.

Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass in allen anderen Fällen chemische Stoffe problemlos zusammen gelagert werden dürfen. Stoffe mit gleichen Gefahrenmerkmalen können beispielsweise in vielen, aber nicht in allen Fällen zusammen gelagert werden. Erschwerend kommt hinzu, dass über die Kennzeichnung nicht immer Rückschlüsse auf mögliche Reaktionen zwischen unterschiedlichen Chemikalien gezogen werden können.

Auch bei chemischen Stoffen mit unterschiedlichen Gefahrenmerkmalen kann die Frage nach einer möglichen gemeinsamen Lagerung nicht einfach beantwortet werden. In folgenden Fällen ist jedoch eine Separatlagerung vorgeschrieben:

  • Explosionsgefährliche Stoffe müssen separat von anderen Gefahrstoffen gelagert werden.
  • Selbstentzündliche Stoffe müssen separat von Gefahrstoffen gelagert werden, die explosionsgefährlich sind, brennen oder einen Brand fördern.
  • Brandfördernde Stoffe müssen separat von brennbaren Stoffen gelagert werden.

Generell gilt, dass entzündbare Flüssigkeiten nicht mit Gefahrstoffen zusammen gelagert werden dürfen. Sie müssen in separaten Sicherheitsschränken und in eigenen Regalwannen aufbewahrt werden.

Die Zusammenlagerungstabelle der Technischen Regel für Gefahrstoffe (TRGS 510) gibt einen guten Überblick über Lagerungsmöglichkeiten und ist eine hilfreiche Entscheidungshilfe für oder gegen eine Zusammenlagerung von Gefahrstoffen. Sie gibt an, ob und in welcher Form eine Zusammenlagerung erlaubt bzw. verboten ist. Hinweise zur Zusammenlagerung von Chemikalien können auch immer den Sicherheitsdatenblättern der einzelnen Produkte entnommen werden.

Ja nach Art und Menge der gelagerten Chemikalien, müssen Chemikalienlager in vielen Fällen zunächst von den Behörden genehmigt werden. Dies setzt ein Genehmigungsverfahren voraus. Erkundigen Sie sich am besten nach den konkreten Bestimmungen in Ihrem Bundesland zum Beispiel bei den Handwerkskammern oder bei der Berufsgenossenschaft.

Teilen Sie diesen Artikel auf: