Kreislaufwirtschaft: Ohne Abfall wirtschaften

20. Oktober 2020

Herstellen, verwenden, wegwerfen? Die seit Jahrhunderten geltende Abfalllogik kommt an ihre Grenzen. Viele Ressourcen, die wir tagein, tagaus verwenden, sind besorgniserregend knapp. Doch welche andere Möglichkeit gibt es? Die Kreislaufwirtschaft könnte eine sein.

Geringe Haltbarkeit, niedrige Preise, Einwegprodukte: Das aktuelle Wirtschaftssystem ist auf Entsorgen ausgelegt. Das tritt am deutlichsten in der Mode- und Elektrogeräteindustrie zutage. Hier sind die Herstellungskosten und Kaufpreise so gering, dass sich eine Pflege oder Reparatur nicht lohnt. Stattdessen wird das alte durch ein neues Produkt ersetzt. Häufig sind Produkte zudem so gefertigt, dass sie nicht oder nur mit hohem Aufwand repariert werden können – zum Beispiel, weil Bauteile geklebt, genietet oder gegossen statt verschraubt sind.

In einer Linearwirtschaft wie wir sie haben läuft der Lebensweg eines Produkts in nur eine Richtung: auf die Mülldeponie oder in die Verbrennungsanlage. Mitsamt den Produkten verschwinden jedoch auch die Rohstoffe, aus denen sie gefertigt sind. Das konnte sich die Wirtschaft lange Zeit leisten. Seit einigen Jahren werden Ressourcen jedoch immer knapper. Gleichzeitig gehen Rohstoffgewinnung und anhaltende Produktion mit enormem Energieaufwand einher, was an Umwelt und Klima nicht spurlos vorrübergeht.

Lieber im Kreis statt in die Sackgasse

In der Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung hat die Kreislaufwirtschaft einen festen Platz. Ziel ist es, ein nachhaltiges Wirtschaften zu gestalten, bei dem Ressourcen genutzt, aber nicht verbraucht werden. Um diese Strategie umzusetzen, wurden das Kreislaufwirtschaftsgesetz und die neue Gewerbeabfallverordnung verabschiedet.

Unter anderem sind Hersteller aufgefordert, Produkte ökologischer zu entwickeln. Das bedeutet zum Beispiel, dass recycelte Rohstoffe verwendet werde und Bestandteile so verbaut werden, dass sie leicht wieder voneinander getrennt werden können. Eine Mammutaufgabe, denn immerhin wird eine jahrhundertealte Wirtschaftslogik kurzerhand auf links gedreht.

Alles noch mal erfinden

»Wir müssen alle Produkte noch mal erfinden«, fasst es Michael Braungart zusammen. Der deutsche Verfahrenstechniker und Chemiker entwickelt unter anderem umweltverträgliche Produktionsverfahren und setzt sich mit der Ökobilanz komplexer Gebrauchsgüter auseinander. In seinen Vorträgen mahnt er, dass unsere Produkte bislang auf Leistung und Design optimiert sind, jedoch nicht auf die Verträglichkeit für die Gesundheit und Umwelt. Hier noch mal neu zu beginnen, birgt enorme Innovationschancen. Dafür muss die Effizienz von Rohstoffen verbessert und Kreisläufe geschlossen werden. Alte, kaputte Produkte liefern das Material, aus denen neue Güter entstehen. Das Ende einer Sache ist der Anfang der nächsten.

INTERVIEW

»Materialmixe wie Textilbeton sind problematisch«

Kreislaufwirtschaft schön und gut, aber was bedeutet das fürs Bauhandwerk? Für die Beantwortung dieser Frage ist Florian Knappe der richtige Ansprechpartner. Der Geograph arbeitet am Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg und forscht unter anderem zur Abfallvermeidung in der Baustoffindustrie und Baubranche sowie zum Recyclen von Bauabfällen. Dazu steht er mit Akteuren aus Wirtschaft und Gesellschaft in Kontakt – und uns Rede und Antwort.

Warum ist Kreislaufwirtschaft wichtig?

Florian Knappe: Wie Klimaschutz ist auch Ressourcenschonung ein wichtiges Ziel. Warum? Weil Deutschland ein rohstoffarmes Land ist. Gleichzeitig verschlingt die Art, wie wir wirtschaften, enorm viele Ressourcen. Um also weiterhin erfolgreich wirtschaften zu können, ist es ein politisches Ziel, die Ressourcenproduktivität zu verdoppeln. Den Wirtschaftserfolg gilt es von der Beanspruchung der Ressourcen loszulösen.

Wenn wir von Kreislaufwirtschaft sprechen, meinen wir damit geschlossene Materialkreisläufe. Und damit ist eben nicht Recycling gemeint, wie wir es bislang kennen. Das Verbauen von mineralischen Abfällen aus dem Baugewerbe in Straßen ist beispielsweise kein echtes Recycling, sondern eigentlich Downcycling. Einen echten Kreislauf gibt es in den wenigsten Fällen.  Die Systeme für das Gipsrecycling sind im Aufbau begriffen und für die Herstellung von Transportbeton auf Gesteinskörnungen aus dem Materialkreislauf zurückzugreifen (R-Beton), wird bisher nur in wenigen Regionen Deutschlands praktiziert und auch da eher im Ausnahmefall.

Was heißt das für die Bauwirtschaft?

FK: Die Bauwirtschaft ist einer der größten Abfalllieferanten. Hier Materialkreisläufe zu etablieren, ist also ein wichtiger Baustein. Es gibt jedoch viele Herausforderungen. Das beginnt bereits beim sauberen Trennen von Abfall auf Baustellen. Je besser die verschiedenen Baustoffe getrennt werden, desto geringer ist der Aufwand bei den Entsorgern, aus den Abfällen neue Baustoffe zu schaffen.

Die Nutzungsdauer und Nutzungsintensivität von Gebäuden müssten sich grundsätzlich erhöhen. Je länger und intensiver ein Gebäude genutzt wird, desto besser ist die Energiebilanz im Verhältnis zum Aufbau. Gebäude müssten flexibler werden und eine Nutzung rund um die Uhr ermöglichen. Gebäude, die über lange Zeit leer stehen – Bürogebäude zum Beispiel –, sind ineffizient. Planer sollten zudem häufiger den Umbau einem Abriss vorziehen.

Welche Möglichkeiten gibt es, das Trennen von Baustoffen zu vereinfachen?

FK: Von zentraler Bedeutung ist eine umfassende Entkernung der Gebäude vor dem eigentlichen Rückbau. Zudem müssten die Verantwortlichen bereits beim Errichten eines Bauwerks darauf achten, Baustoffe und Konstruktionen zu wählen, die man einfach lösen kann. Beim Rückbau sind heutzutage viele Konstruktionsverbünde nicht mehr zu trennen, sodass die Rohstoffe nicht mehr verwendet werden können. Problematische Verbünde entstehen zum Beispiel durch Kleben und Spachteln. Diese sind zwar kostengünstig und schneller hergestellt, doch können mechanische Verbünde einfacher rückgängig gemacht werden. Auch Materialmixe wie Textilbeton sind problematisch, wenn sich Bewehrung und Beton im Recycling nicht mehr auftrennen lassen. Letztendlich brauchen wir Bauteile und Baustoffe, die ein Recycling garantieren.

Sind die Ressourcen, die in der Baubranche verwendet werden, denn tatsächlich schon so knapp?

FK: Tja, wie hoch ist die Not. Das ist eine gute Frage. Im Grunde sind die Ressourcen wie Steine und Sand, die für die Bauwirtschaft wichtig sind, nicht knapp. Dennoch ist der Abbau begrenzt, denn man kann nicht unbegrenzt einfach überall abbauen. Es gibt eine konkurrierende Flächennutzung. in Natur- und Wasserschutzgebieten, in besiedelten Gebieten darf man zum Beispiel nicht abbauen. Hinzu kommt, dass Deutschland immer dichter besiedelt ist. In stadtnahen Gebieten fühlen sich Anwohner durch den Abbau von Sand und Steine gestört. Sie wollen keine Belastung durch Verkehr, Staub und Lärm. Insgesamt ist es sehr schwer, neue Abbaugebiete ins Leben zu rufen.

Die aktuellen Verordnungen sind sogenannte Papiertiger. Es gibt sie, aber sie werden nicht durchgesetzt. Dabei wäre schon viel getan, wenn sich die Akteure an die Verordnung halten würden.

Florian Knappe, Institut für Energie- und Umweltforschung in Heidelberg

Welche Maßnahmen würden helfen, um die Bauwirtschaft in Richtung Kreislaufwirtschaft zu bringen?

FK: Die aktuellen Verordnungen sind sogenannte Papiertiger. Es gibt sie, aber sie werden nicht durchgesetzt. Dabei wäre schon viel getan, wenn sich die Akteure an die Verordnung halten würden. Ich sehe hier vor allem Architekten, Planer und Bauherren in der Verantwortung. Sie müssen informiert und für die Kreislaufwirtschaft gewonnen werden.

Gleichzeitig müsste sich das Recyclen von Baustoffen mehr lohnen. Zum Beispiel ist es aktuell kostengünstiger, Gips in Tschechien zu entsorgen, als ihn in Deutschland zu recyclen. Das gleiche gilt für Betonrecycling.

Was bedeutet Urban Mining?

FK: Dieser Begriff verdeutlicht, dass die Bausubstanz in Städten enorme Ressourcen in sich bergen. Das heißt, wir verstehen den städtischen Bauwerkbestand als Materiallager, das wir genauso wie natürliche Lagerstätten nutzen sollten. Das hat viele Vorteile: Statt Material aus weit entfernten Steinbrüchen zu transportieren, fallen die Ressourcen direkt vor Ort an. Wir sparen Transportwege ein. Damit Urban Mining gelingt, müssen Informationen über Gebäude bewahrt und zugänglich gemacht werden. Wir müssen wissen: Was ist wo verbaut? Digitale Materialpässe für jedes Gebäude könnten eine Lösung sein.

Vielen Dank für das Gespräch

Ist Kreislaufwirtschaft unrealistisches Wunschdenken oder eine echte Alternative? Sag uns deine Meinung in den Kommentaren!

Isabelle

Handwerkern auf die Finger und über die Schulter schauen: Ich interessiere mich vor allem für spannende Geschichten aus der Praxis.

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