Das Handwerk Orgelbau: Tausende Einzelteile

30. Oktober 2021

Das erste Instrument, das einer Orgel, wie wir sie heute kennen, ähnlich war, wurde bereits um 246 vor Christi in Alexandrien gebaut. Heute sind der Orgelbau und die Orgelmusik Teil des immateriellen Kulturerbes der Menschheit. Von der Berliner Orgelbauwerkstatt Karl Schuke GmbH werden Orgeln konzipiert und auf der ganzen Welt gebaut. Wir haben mit Jürgen Magiera, Orgelbauer und Geschäftsführer der Orgelbauwerkstatt, über das Handwerk gesprochen.

In Deutschland trägt der Beruf Orgelbauer*in die vollständige Bezeichnung Orgel- und Harmoniumbauer* in. Wer denkt, dass Orgelbauer* innen sich nur mit dem Bau neuer Orgeln beschäftigen, ist weit gefehlt. Neben dem Entwurf, der Konstruktion, der Herstellung und der Klanggestaltung von Orgeln befassen sich Orgelbauer*innen damit, bestehende Orgeln zu pflegen, zu reparieren, zu renovieren, zu restaurieren und zu stimmen. Hierfür benötigen sie Wissen über verschiedene Materialien wie Holz, Metall, Filz, Leder und Kenntnisse im Bereich der Statik, Aerodynamik, Mechanik und Elektronik.

 

Wie ist die Entstehungsgeschichte der Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt GmbH?

Jürgen Magiera: Die Orgelbauwerkstatt hat eine lang zurückreichende Geschichte. 1894 hat Alexander Schuke die Werkstatt seines Lehrmeisters Carl Eduard Gesell übernommen und die »Alexander Schuke Orgelbauanstalt Potsdam« gegründet. Später haben seine Söhne Hans-Joachim und Karl Schuke die Werkstatt übernommen und 1950 aufgrund der unsicheren politischen und wirtschaftlichen Lage eine zweite Orgelbauwerkstatt im Westteil Berlins gegründet. Karl Schuke ist drei Jahre später nach Westberlin übergesiedelt und hat die »Karl Schuke Berliner Orgelbauwerkstatt« vom Potsdamer Betrieb gelöst. Seitdem haben sich die beiden Unternehmen unabhängig voneinander entwickelt. Nach Karl Schukes Tod wird die Firma von den Teilhaber*innen weitergeführt und ist überregional und international erfolgreich.

 

Wie bist du persönlich zum Orgelbau gekommen?

JM: Ich bin schon in einem musikalischen Elternhaus aufgewachsen und habe viele Jahre Klavier- und zwei Jahre Orgelunterricht genossen. Eigentlich hatte ich geplant, eine Ausbildung zum Klavierbauer zu machen. Dieses Vorhaben konnte ich leider nicht umsetzen, da es einfach nicht ausreichend Ausbildungsplätze im Klavierbau gab. Mein Orgellehrer hat mir dann den Orgelbau ans Herz gelegt und ich habe mich bei Karl Schuke in Berlin um die Ausbildung zum Orgelbauer (erfolgreich) beworben.

 

Wie viele Aufträge erhält die Orgelbauwerkstatt pro Jahr?

JM: Im Jahr erhalten wir etwa 20 Aufträge. Orgelneubauten sind hierunter aber seltener. Die Mehrheit der Aufträge sind Reinigungen, Renovierungen, Restaurierungen und Umbauten.

 

Werden viele Orgeln neu gebaut oder wird mehr restauriert und gestimmt?

JM: In den letzten 20 Jahren hat der Anteil an Neubauten abgenommen, während der Anteil an Reinigungen, Renovierungen, Restaurierungen und Umbauten stark zugenommen hat.

 

Welche Schritte durchläuft man beim Bau einer Orgel?

JM: Bei dem Bau einer Orgel müssen tausende Einzelteile, rangierend von wenigen Gramm bis hin zu Teilen mit über 100 Kilogramm Gewicht, hergestellt und zusammengebaut werden. Die Basis einer Orgel bilden die vielen Pfeifen, die sich aus Holz und Zinn- oder Bleilegierungen zusammensetzen. Eine einzelne Orgel kann bis zu mehreren Tausend Pfeifen benötigen. Sind die Einzelteile der Orgel angefertigt, wird diese in der Werkstatt vormontiert und die Pfeifen klanglich vorbereitet. Dann geht es an den Transport zum eigentlichen Aufstellungsort. Vorher wird die Orgel erneut demontiert, verpackt und verladen. Die finale Montage dauert dann, je nach Größe der Orgel, zwischen zwei und zehn Wochen. Damit ist es aber noch nicht getan. Auch klanglich muss die Orgel fertiggestellt werden. Dieser Prozess dauert abermals, je nach Orgelgröße, zwei bis 16 Wochen.

 

Wie stimmt man eine Orgel?

JM: Eine Orgel wird durch die einzelnen Orgelpfeifen gestimmt. Jede Orgelpfeife hat eine speziell für diesen Zweck vorgesehene Vorrichtung. Diese verändert die Länge der im Inneren der Pfeife schwingenden Luftsäule und damit die Stimmung der Pfeife.

 

Wie läuft ein normaler Tag bei dir ab?

JM: Mein Tag beginnt schon um 6:45 Uhr. Einen immer wiederkehrenden Tagesablauf gibt es allerdings nicht. Je nach Auftragslage kümmere ich mich um die nationale und internationale Kund*innenbetreuung, plane Termine, erstelle Konzepte für Renovierungen, Umbauten und für orgelspezifische elektrische und elektronische Anlagen. Die Besichtigung von Orgeln, um Konzepte und Angebote zu ermöglichen, gehört natürlich genauso dazu. Normalerweise endet mein Tag dann etwa um 16 Uhr. Wenn wir auf Montage sind, häufen sich aber auch gerne mal bis zu 55 Wochenstunden an.

 

Was ist das Besondere am Handwerk Orgelbau? Was inspiriert dich an diesem Handwerk?

JM: Der Orgelbau ist meiner Meinung nach eines der vielseitigsten Handwerke. Man verarbeitet verschiedenste Hölzer, Metalle, Stoffe, Leder, Filze und Kunststoffe. Jede Orgel und jedes Projekt ist ein Unikat und kein Aufstellungsort – wie zum Beispiel Kirche, Konzertsaal oder Universität – gleicht dem anderen.

 

Was war das spektakulärste Projekt der Firmengeschichte?

JM: In meiner Karriere als Orgelbauer gab es bereits mehrere Projekte, an die ich besonders gerne zurückdenke. 1965 haben wir die Orgel in der Berliner Philharmonie erbaut. Aber auch in Asien haben wir schon Orgeln erbaut, zum Beispiel in Tokio, Nagoya und Seoul. Letztere ist die bis heute größte Orgel in Asien mit sechs Klaviaturen und 97 Registern.

 

Vielen Dank für das Gespräch.

 

HAND-DRAUF-Redaktion

Von Werkzeug bis Unternehmensführung: Mit unseren Ratgebern wollen wir Handwerker*innen Antworten auf viele Fragen geben.

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